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Meister Eckhart über Liebe

Ein Weiser wurde gefragt, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch, der ihm begegnet, und welches das notwendigste Werk sei. Die Antwort lautete: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.
Zitat von Meister Eckhart
Meister Eckhart
deutscher Mystiker
* um 1260, † 1327

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Schaut man in die Liste zeitgemäßer spiritueller Literatur, ist eine bemerkenswerte Anzahl von Büchern zu finden, die die Kraft der Gegenwart preisen. Und das in Zeiten, die doch so sehr auf Zukunft, Technik, Fortschritt ausgerichtet ist. Oder vielleicht auch deshalb, weil sich die Menschen ahnend neu auf einen alten Wert besinnen, weil die Anforderungen der Zukunft immer lastender werden?

Mit Meister Eckhart pries bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein spiritueller Meister die Gegenwart in ganz besonderer Weise … und lange vor ihm auch die Großen der Weltgeschichte, wie beispielsweise auch Jesus oder Buddha.

Was aber hat es denn mit dieser doch nicht zeitlich greifbaren Gegenwart auf sich, was sie so wertvoll erscheinen lässt? Fakt ist: Gegenwart "hat" weder Zeit, noch "ist" sie Zeit. Denn jeder Mensch erlebt doch selbst: Sobald man Gegenwart bewusst erfährt und darüber reflektiert, ist sie doch bereits vergangen. Und seien es nur Sekunden oder Minuten. Worüber ich nachdenke, ist entweder noch nicht – oder schon vorbei. Gegenwart ist also außerhalb von greifbarer, erfahrbarer Zeit und scheint gleichzeitig noch "wirklicher" zu sein als Vergangenes und Zukünftiges.

Vergangenheit kann man beziffern. Man kann sagen, gestern oder vor hundert Jahren. Die Zukunft kann man ebenfalls zeitlich eingrenzen und kann sagen: gleich oder in tausend Jahren. Allein erfahrbar ist Gegenwart nur durch unser zeitloses Fühlen, das zugleich nicht über sich nachdenkt, sondern ist! Jede Form von Reflexion über die Gegenwart katapultiert dieselbe aus sich selbst heraus. Ist sie vielleicht auch deshalb so wertvoll, weil sie so einmalig, so flüchtig ist?

Und warum ist der Mensch, der einem gerade gegenübersteht, denn der wichtigste Mensch, wenn man der Wahrheit dieses Spruches vertrauen will? Kann es denn sein, dass der Nachbar gerade im Augenblick eines belanglosen Gespräches am Gartentor wichtiger ist als ein hochverehrtes menschliches Idol? Hat dies vielleicht auch mit dem Thema der Gegenwart und unserer Gegenwärtigkeit in diesem Augenblick zu tun?


Von der Wichtigkeit des Gegenübers


Denken wir an andere Menschen, leben diese in diesem Augenblick ja nur in unserer Vorstellung. Sie stehen weder leibhaftig vor uns, noch können wir mit ihnen konkrete Handlungen vollführen. Die Begegnung kann zwar im Geiste stattfinden, entbehrt dann aber der Ganzheitlichkeit, die wir als Menschen zur Verfügung haben. Diese haben wir im vollen Umfang nur allein in der Gegenwart des Seins. Dort können wir authentisch sein und unsere gesammelten Kräfte entfalten. Zum Guten, wie zum Bösen. Hier können wir die Momente ergreifen, die alles verändern können. Der Gegenwartspunkt ist der Schöpfungszeitpunkt, wo alles zusammen kommt.

Betrachten wir den Begriff der Gegenwart nüchtern, bleibt uns ja nur ein nicht genau bestimmtes Zeitintervall zwischen vergangener und kommender Zeit. Andere benennen dieses Intervall mit Zeitlosigkeit, in der jedoch alle Ereignisse stattfinden. Die Ereignisse werden also nicht, wie wir gemeinhin meinen, in der Zukunft stattfinden oder haben bereits in der Vergangenheit stattgefunden, sondern finden jeweils nur in der Gegenwart statt. Deshalb ist hier auch der Kraftpunkt der Veränderung.

Je authentischer, wacher, bewusster man sich im Gegenwartsmoment selbst in jeder x-beliebigen Situation verhält, umso klarer erkennt man den Wert dieser einmaligen und unwiderruflichen Situation.

Im bewusst ergriffenen Gegenwartsmoment liegt also eine besondere Wirksamkeit verborgen, die man nutzen könnte, wenn man sie versteht und ergreift. So wird die Gegenwart zur wichtigsten Stunde. Und der Mensch, der uns in diesem Kraftmoment begegnet, wird zum wichtigsten Menschen für diesen Augenblick, wo sich alles verändern kann. Im Jetzt kann der entscheidende Impuls – für was auch immer – kraftvoll in einer echten Begegnung geschenkt und genutzt werden.

Unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln wird immer wieder neu von Absichten und Zukunftsplänen bestimmt, ist von unseren vergangenen Erfahrungen reich geprägt, aber es geschieht und vollzieht sich immer nur in der zeitlosen Gegenwart. Wer dies ganz tief gefühlt als Gedanke meditiert, wird begreifen, warum das Hohe Lied der Gegenwart seit Jahrtausenden von allen großen Meistern besungen wird.

Kommt man dann diesem Geheimnis näher und näher, so führt der letzte konsequente Schritt zur tätigen Liebe, die mehr und mehr zum Bedürfnis heranwächst. Wird das Handeln von ihr erst einmal durchpulst, wird sie zum dauerhaften Kernpunkt des eigenen Seins.