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Søren Kierkegaard über Angst

Je weniger Geist, desto weniger Angst.
Der Begriff Angst
Zitat von Søren Kierkegaard
Søren Kierkegaard
dänischer Schriftsteller, Theologe und Philosoph
* 05.05.1813, † 11.11.1855

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Als ich den Spruch "Je weniger Geist, desto weniger Angst" las, kam zunächst ein spontanes aber auch klares Nein in mir hoch. Der Widerspruch entstand, da mir die Begründung dafür direkt auf der Zunge lag. Dennoch hielt ich inne und forschte nach, warum Kierkegaard es anders sieht und behauptet.

Vermutlich meinte er es wohl so: Je weniger Geist ein Mensch besitzt, umso weniger Phantasie, so darf man doch annehmen, ist in ihm veranlagt. Je weniger Phantasie er aber für Gefahren oder überhaupt Situationen besitzt, umso angstfreier kann er sich vielen Dingen stellen, da er nicht von jenen bösen Blockaden heimgesucht wird, die sich geistvolle Menschen im Vorfeld so ausdenken können. Also bleibt er von diesen Sorgen unbelastet.

Hier wäre der Begriff des offenbar unzureichend vorhandenen Geistes vor allem mit dem Mangel an Phantasie, Vorstellungsvormögen, Vorausdenken, Überblick, Analysefähigkeit verbunden. Zudem wäre hier vermutlich noch jenes natürliche Urvertrauen in seinem ungestörten Zustand, das der vor-, nach- und mitdenkende Mensch verliert, wenn er sich der Vielzahl theoretischer Möglichkeiten stellt. Die Vertreibung aus dem Paradies, man vergesse es nicht, lag im Akt des Erkennens – der Erkenntnis. Aus diesem Blickwinkel heraus wäre dem dänischen Philosophen also in jedem Fall zuzustimmen.

Mir selbst fiel jedoch noch ein anderer Blickwinkel ein, der durchaus auch das Gegenteil dieser Aussage als richtig erscheinen lässt. Danach müsste der Spruch lauten: "Je mehr Geist, desto weniger Angst."

Diese meine eigene Aussage begründe ich wie folgt: Je höher sich der Mensch geistig entwickelt, desto flexibler kann er auch sein Vorstellungsvermögen steuern lernen. In Bezug auf Ängste bedeutet dies, dass er sie im Falle des Vorhandenseins ausdrücklich mittels seines Geistes in den Griff bekommen kann. Nämlich insofern, als er die Alternativen ebenfalls voll mit bedenkt, Auswege findet oder im Falle der Ausweglosigkeit letztlich das Sosein innerlich tief akzeptiert. Das ist eine Art von Urvertrauen auf einer höheren Stufe. Damit wäre er einen entscheidenden Schritt weiter als jene Menschen, die mangels Phantasie nicht einmal die Vorstellung von Gefahr entwickeln können. Jener Zeitgenosse hätte sie dann bereits schon überwunden oder zumindest Werkzeuge an der Hand, sie überwinden zu können.


Leben mit der Angst


Zwischen den beiden Extremen von Noch-keine-Angst-empfinden und Schon-keine-Angst-mehr-empfinden leben wohl die meisten Menschen, die von diversen Ängsten geplagt werden, sich damit herumschlagen müssen und individuell auch immer in weiteren Stufen nach und nach überwinden lernen, falls sie sich mutig und bewusst der Aufgabe der Angstüberwindung stellen. So manchem scheint sie angesichts der persönlichen Herausforderungen geradezu als Lebensaufgabe ins Blut geschrieben zu sein.

Dabei ist es zunächst unerheblich, ob es sich um allgemeine Verlustängste um die Liebsten, die Gesundheit oder das Vermögen handelt, ob es Gefahren von Terror und Krieg sind, die ängstigen oder auch Naturkatastrophen, die sich dem menschlichen Handeln komplett entziehen. Allen gemeinsam ist: Der Tod (oder ein anderer gefährlicher Umstand) lauert hinter der nächsten Ecke… Vieles davon ist durch uns selbst beeinflussbar. Angst kann dabei lähmen, Angst kann aber auch befeuern und motivieren. Es kommt auf den Einzelfall und vor allem auch auf die innere Haltung zum Thema Angst-Leben-Sterben an.

Sich aber den Ängsten, die sich im eigenen Leben zeigen, mutig zu stellen ist das beste Mittel, um sie letztlich auch zu meistern, ohne sie verdrängen zu müssen. Ängste sind Herausforderungen an unsere Persönlichkeitsentwicklung. Je mehr Geist dafür vorhanden ist, umso eher schaffen wir auch die Meisterung und können uns darüber hinaus erheben. Die letzte Angst, die vor dem eigenen Tod, ist ebenfalls zu meistern. Das dies sehr vielen Menschen gelingt, zeigen jene Sterbenden, die ganz ruhig, friedlich und still Abschied nehmen und dabei auch einen besonderen Glanz widerspiegeln, der das tiefe Einverständnis mit diesem letzten Akt im Leben zeigt: Das natürliche Einverstandensein mit dem Tod. Hier hat Angst keinen Platz mehr und ist seiner Macht beraubt.