Sprichwort über Schweigen

  • Wer schweigt, bejaht.

Gedanken zum Zitat

Das Sprichwort »Wer schweigt, bejaht» bringt eine weit verbreitete gesellschaftliche Deutung von Schweigen zum Ausdruck: Stille wird oft als Zustimmung verstanden. In Gesprächen, Diskussionen oder gar in juristischen und politischen Kontexten gilt Schweigen schnell als stilles Einverständnis. Wer nichts sagt, scheint einverstanden zu sein, so zumindest die Interpretation. Doch ist das wirklich so eindeutig?

Tatsächlich basiert das Sprichwort auf einer wichtigen menschlichen Erwartung: Kommunikation soll Klarheit schaffen. Wer spricht, zeigt Haltung. Wer schweigt, bleibt unklar und schafft Raum für Deutungen. In der Praxis bedeutet das oft, dass Schweigen wie ein stilles »Ja« gelesen wird. Wer sich in einem Moment der Entscheidung, des Protests oder der Kritik nicht äußert, wird leicht als passiv, gleichgültig oder sogar zustimmend empfunden.

Diese Zuschreibung kann jedoch problematisch sein. Denn Schweigen kann viele Gründe haben: Unsicherheit, Angst, Unwissenheit, strategische Zurückhaltung oder schlicht die Unfähigkeit, sich in dem Moment auszudrücken. Nicht jede Stille ist ein Einverständnis, manchmal ist sie ein Schutz. Besonders in Situationen von Machtungleichgewicht oder emotionalem Druck ist Schweigen eher ein Zeichen von Ohnmacht als von Zustimmung.

Trotzdem hat das Sprichwort seine Berechtigung, insbesondere in moralischen und gesellschaftlichen Fragen. Wer angesichts von Unrecht schweigt, macht sich mitschuldig. Wer Missstände sieht, aber dazu nichts sagt, unterstützt indirekt das Bestehende. In diesem Sinne kann Schweigen tatsächlich Zustimmung bedeuten – nicht aus Überzeugung, sondern durch unterlassene Positionierung. Hier wird das Sprichwort zur Mahnung: Haltung zeigen bedeutet auch, den Mund aufzumachen, wenn es nötig ist.

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