Sprichwort über Wort

  • Wenn das Wort heraus ist, ist es eines andern.

Gedanken zum Zitat

Das Sprichwort »Wenn das Wort heraus ist, ist es eines andern« bringt auf prägnante Weise eine Wahrheit zum Ausdruck, die in Zeiten von Social Media und digitaler Kommunikation aktueller ist denn je: Worte, einmal ausgesprochen oder niedergeschrieben, entziehen sich der Kontrolle ihres Urhebers. Was wir sagen, ist nicht mehr unser Eigentum, sobald es die Lippen oder Tasten verlassen hat, denn dann gehört es dem Zuhörer, dem Leser, der Öffentlichkeit.

Diese Erkenntnis war bereits in vormodernen Gesellschaften relevant, in denen das gesprochene Wort hohen Stellenwert hatte. Besonders in Ehrenkulturen, in denen das Ansehen eines Menschen eng mit seinem Wort verknüpft war, konnte ein unbedachter Ausspruch fatale Folgen haben. Ein Versprechen, eine Beleidigung, ein Gerücht, alles konnte zur Ehre oder Schande führen. Das gesprochene Wort war bindend, unwiderruflich und wirkte weit über den Moment hinaus.

Im digitalen Zeitalter gewinnt dieses Sprichwort neue Schärfe. Was früher nur wenige Ohren hörten, erreicht heute mit einem Klick hunderte, tausende Menschen. Ein missverständlicher Satz, ein impulsiver Kommentar, eine unbedachte Meinungsäußerung kann rasend schnell verbreitet, aus dem Kontext gerissen und gegen den Sprecher verwendet werden. Wer einmal etwas gepostet hat, kann es zwar löschen, aber nicht mehr zurückholen. Das Wort »gehört« dann dem Internet, also allen.

Doch nicht nur die Technik, auch das Wesen der Kommunikation selbst ist betroffen: Sprache ist immer ein Angebot. Wer spricht, legt seine Gedanken in die Hände anderer. Ob sie verstanden, verdreht, hinterfragt oder instrumentalisiert werden, liegt außerhalb seiner Kontrolle. Kommunikation ist ein Akt des Vertrauens, aber auch des Risikos.

Das Sprichwort ist deshalb auch ein Appell zur Besonnenheit: Denke nach, bevor du sprichst. Prüfe, ob das, was du sagen willst, wahr, notwendig und gut ist. Denn ein ausgesprochenes Wort kann nicht zurückgenommen, sondern nur eingeordnet oder berichtigt werden, und das ist oft zu spät.

In dieser Hinsicht ist »Wenn das Wort heraus ist, ist es eines andern« eine zeitlose Mahnung zur sprachlichen Verantwortung. Wer mit Worten bewusst umgeht, bewahrt nicht nur sich selbst, sondern trägt auch zu einer respektvolleren Kommunikation bei.

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