Anzeige

02. April 2021

Was ist eigentlich Anti-Rassismus?

Eine kritische Auseinandersetzung von NN

Über Rassismus als Problematik unserer Gesellschaft und als Stolperstein auf dem Weg zu Gleichberechtigung und Fairness wurde in den vergangenen Jahren weltweit teils sehr heftig diskutiert. Ein kleiner Fortschritt auf einem langen und für viele von uns sehr unangenehmen Weg.

Doch nun ist ein zweiter Begriff aufgetaucht. Immer häufiger wird nicht nur von Rassismus, sondern auch von Anti-Rassismus gesprochen. Ein Begriff, vielen von uns noch nicht geläufig, der im ersten Moment semantisch redundant wirkt. Sind wir nicht automatisch anti-rassistisch, wenn wir nicht rassistisch sind?

Nein, so einfach ist es nicht. Mit dem Aufkommen des Anti-Rassismus hat eine weitere Dimension in die Diskussion über die Gleichberechtigung aller Menschen, ungleich ihres Herkunftslandes, ihrer Hautfarbe oder ihres Aussehens, Einzug gehalten. Es gibt kein Spektrum zwischen rassistisch und nicht rassistisch. Das Spektrum reicht von rassistisch zu anti-rassistisch. Nicht rassistisch, so etwas gibt es nicht.

Eine kritische Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema aus limitierter, weißer Perspektive – Persönliche Erfahrungen kann ich für mich nicht beanspruchen, die Problematik in all ihrer Tiefe verstanden zu haben, ebenso wenig.

Anti-rassistisch und nicht rassistisch – ein gravierender Unterschied

In der deutschen Literatur und in deutschen Informationsbeiträgen gibt es bisher wenig Information über Anti-Rassismus. Fälschlicherweise und leider allzu oft wird »nicht rassistisch« als das Gegenüber des Rassismus angesehen. Unser limitiertes Verständnis von Rassismus ist der Grund. Verstehen wir Rassismus als Sklaverei, Vorfälle wie den Tod von George Floyd oder brutale körperliche Gewalt, so ist es einfach, sich davon zu distanzieren. Viele Menschen sind sich einig: Das sind Dinge, die sie niemals tun würden.

Rassismus ist jedoch wesentlich nuancierter. Rassismus ist Teil unserer Kultur, unseres Systems, unserer Werte, selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir sind der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Wir schwimmen in Rassismus und können ihn genau deshalb nicht sehen. Was für uns normal ist, ist rassistisch. Nicht rassistisch zu sein, ist nicht möglich. Was wir allerdings tun können, ist, uns in Richtung einer anti-rassistischen Einstellung zu bewegen.

Ein System für Weiße

Unsere Gesellschaft, unsere gesamte Kultur, basiert auf der Annahme, dass weiße Menschen die Norm sind. Alles, was davon abweicht, ist »anders«. Tatsächlich könnte jedoch nichts ferner von der Wahrheit sein. Weiße Menschen stellen lediglich einen sehr kleinen Teil der gesamten Weltbevölkerung dar. Und dennoch: Der Einfluss der weißen Norm ist nicht zu verleugnen, in Europa, aber auch in allen anderen Ländern der Welt. Deutlich wird das in unzähligen alltäglichen Situationen:

  • Wer in der Apotheke ein Pflaster in Hautfarbe kauft, erhält noch lange nicht automatisch das, worum er gebeten hat. Voraussetzung dafür, dass die Pflaster auch tatsächlich der eigenen Hautfarbe nahekommen, ist die helle Haut des Verwenders. Bei Make-up und Beauty-Produkten sieht es entsprechend ähnlich aus.
  • Auch in puncto Kleidung, Stil und Accessoires gilt ein ähnliches Prinzip. Einen schwarzen Hoodie zu tragen, kann sich kaum ein Mensch mit dunkler Hautfarbe leisten. Second-Hand-Kleidung gilt als moderner Schick bei Weißen, häufig aber als Zeichen der Armut bei Menschen anderer Hautfarben (PoC = People of Colour).
  • Der Zugang zu Events, Bars, Casinos und öffentlichen Orten ist für People of Colour ebenfalls eingeschränkt. Sie werden kritischer betrachtet, wesentlich häufiger von Security-Personal kontrolliert und können sich somit weniger frei in der Welt bewegen. Eine Erleichterung bringt hier häufig die Welt des Internets. In einem Online Casino kann beispielsweise jeder gratis spielen und sich dabei diverse Vorteile sichern, und zwar ohne sich zuvor kritischer Blicke unterziehen zu müssen. Angebote werden vorurteilsfrei gemacht. Wird ein Bonus von 10 Euro ohne Einzahlung oder ein Poker-Turnier ausgeschrieben, kann jeder Spieler, ungleich der eigenen Herkunft, Hautfarbe, Kleidung und Stil, daran teilnehmen.

Pflaster in Hautfarben, schwarze Kapuzenpullover und ein uneingeschränkter Zugang zu Events, all das klingt für weiße Menschen wie eine Selbstverständlichkeit für jeden – Voilà, wir sind beim eigentlichen Problem angekommen! Solange wir uns dieser fälschlichen Annahme der Selbstverständlichkeit eines vorurteilsfreien Lebens nicht bewusst werden und unser Privileg, ohne jegliche hautfarbenbezogene Einschränkungen durchs Leben gehen zu können, nicht erkennen, tragen auch wir aktiv zu einem rassistischen System bei. Wir sind nicht »nicht rassistisch«, auch wenn wir das gerne glauben. Ja, wir sind tatsächlich rassistisch.

»White Privilege«, das Privileg des Weißseins

Das Bewusstsein für das Privileg des Weißseins ist erst vor wenigen Jahren in den Mainstream-Medien angekommen. Den Begriff »White Privilege« gibt es allerdings schon sehr lange, genauer gesagt seit den späten Achtzigerjahren. Er geht auf Peggy McIntosh, PhD zurück, eine US-amerikanische Wissenschaftlerin, die im Jahr 1989 eine Liste mit 46 Vorteilen veröffentlichte, die ihr als weiße Person zuteil werden.

Sie tritt an die Privilegien aus einem persönlichen Ausgangspunkt heran, gibt zu, »Das weiße System machte auch mich zu einer Unterdrückerin«. Eine unangenehme Wahrheit, die auf uns alle zutrifft, vor der wir allerdings leider nur zu gerne die Augen verschließen. Ein Widerstand gegen Fakten, bewusst oder unbewusst, der dazu geführt hat, dass der Begriff »White Privilege« seit dem Tod von George Floyd zwar weithin bekannt, das Verständnis über seine Bedeutung jedoch noch immer stark limitiert ist. Wissen, Verständnis und Klarheit darüber, was White Privilege eigentlich bedeutet, gehen kaum über die Grenzen eines kleinen Kreises von Wissenschaftlern und Interessierten hinaus, die tatsächlich bereit sind, sich mit dieser schwierigen Problematik auseinanderzusetzen.

White Privilege bezeichnet die Abwesenheit negativer Einflüsse der eigenen Hautfarbe auf den Alltag und das Leben eines Menschen. Es ist eine Abwesenheit, schwer zu greifen, komplex in ihrer Ausprägung und tief verwurzelt. Begännen wir erst einmal damit, uns ein klein wenig davon einzugestehen, würde unsere gesamte Welt kopfstehen.

Der springende Punkt: White Privilege bedeutet nicht, dass man aufgrund seiner Hautfarbe bevorzugt behandelt wird. White Privilege bedeutet, dass man auf Grund seiner Hautfarbe nicht nachteilig behandelt wird.

Lesen Sie das noch einmal.

Anti-Rassismus, Aktivisten und Zukunftsaussichten

Der Anti-Rassismus-Bewegung stehen eine harte Zukunft und ein langer Weg bevor. Allerdings ist dieser Weg keinesfalls ohne Hoffnung. Aktivisten widmen ihr gesamtes Leben dem Wunsch nach Gleichberechtigung, erzählen aus eigenen schmerzhaften Erlebnissen und präsentieren sich mutig und verletzlich, um nachfolgenden Generationen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Renni Eddo-Lodge, eine Londoner Journalistin und Bestsellerautorin, widmet ihr Leben seit Jahren exakt diesem Anliegen. Ihr Buch »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche«, basierend auf einem Blog-Artikel, der die Welt verändert hat, widmet sich ehrlich und knallhart dieser Thematik und den damit einhergehenden Problemen unserer Gesellschaft.

Kein Buch für schwache Nerven, kein Buch für Menschen, die lieber die Augen verschlossen halten und es sich in ihrer komfortablen Bubble gemütlich machen wollen. Ein Buch allerdings für alle, die wirklich bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu einer anti-rassistischen Gesellschaft beizutragen, wie unkomfortabel das auch sein möge.