TOPZufallszitatVolltexteGedankensplitterReligionen
Anzeige

Johann Wolfgang von Goethe

Goethe und die Farbenlehre

Viele Jahre seines Lebens beschäftige sich Goethe mit Farben und entwickelte seine 1810 veröffentlichte Farbenlehre. Eine für einen Geheimrat und Mann des Wortes eher ungewöhnliche Leidenschaft. Sie begann spätestens 1777 als Goethe auf seiner Harzreise (29. November bis 16. Dezember 1777) farbige Schatten in der Abendsonne auf Schnee am Brocken wahrnahm. Später schrieb Goethe dazu:

"Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend vom Brocken herunter, die weiten Flächen auf- und abwärts waren beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zerstreut stehenden Bäume und vorragenden Klippen, auch alle Baum- und Felsenmassen völlig bereift, die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter.

Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees, schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so mußte man sie nun für hochblau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen widerschien. Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die ganze, mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün verglichen werden konnte.

Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor.“ (Rückblick)

Ähnliche Beobachten machte Goethe auch auf seiner Reise nach Italien (1786–88) wo er sich wohl mehr aus künstlerischem Interesse mit dem Kolorit in der Malerei befasste. Denn Goethe studierte nicht nur die italienische Landschaftsmalerei, sondern schuf selbst einige Aquarelle.

Um 1790 sah Goethe beim Blick durch ein Prisma Kantenspektren die sein Interesse an der Farbenlehre weiter anfachten und ihn zu weiteren Experimenten trieben.

Allerdings nutzte Goethe primär seine Beobachtungen als Mittel für Erkenntnisse über die Natur. Anderen Hilfsmitteln der Erkenntnisgewinnung stand er eher ablehnend gegenüber:

"Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste physikalisch Apparat, den es geben kann, und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will." (Maximen und Reflexionen, in: Karl Otto Conrady: Goethe – Leben und Werk, Band 2, S. 265)

Goethe war bestrebt, die Natur in ihrem Gesamtzusammenhang zu erkennen was auch den Menschen mit einschloss. Insofern lag es nahe, dass Goethe sich darauf versteifte, aus seinen Beobachtungen schließen zu können, "daß das Licht eine unteilbare Einheit sei und die Farben aus dem Zusammenwirken von Hellem und Dunklem, Licht und Finsternis entstünden, und zwar durch die Vermittlung eines 'trüben' Mediums." (ebd. S. 263.) Diese Ansicht widersprach der seinerzeit bereits etablierten Sichtweise der additiven Farben, wie Newton sie beschrieben hatte.

Unbeirrbar verfolgte Goethe jedoch seine Ansichten bezüglich "seiner" Farbenlehre und veröffentlichte 1810 "Beiträge zur Chromatik" als Vorbereitung für seine große Schrift "Zur Farbenlehre". Dabei suchte er den Kontakt zu anderen Wissenschaftlern nicht nur um seine eigenen Schriften zu verbreiten, sondern studierte die der gelehrten Welt seinerzeit verfügbare Literatur zur Farbenlehre. Goethe kannte die Arbeiten großer Naturwissenschaftler wie Galilei, Kepler oder auch Descartes zum Thema – und dennoch blieb er bei seinen Ansätzen, die er heftigst gegen jede Kritik verteidigte. Und davon gab es genügend, denn Goethes Farbenlehre wurde von Beginn an kontrovers diskutiert, denn Newtons Definitionen waren längst zum Stand der Wissenschaft geworden, was Goethe dennoch nicht dazu bewegen konnte, seine Ansicht der Farben aufzugeben. Er war beseelt von dem Gedanken und dem Glauben, etwas großes geleistet zu haben und wollte seinen Irrtum diesbezüglich bis an sein Lebensende nicht einsehen.