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Rudolf von Jhering über Freiheit

Dass die Wölfe nach Freiheit schreien, ist begreiflich; wenn die Schaafe in ihr Geschrei einstimmen, so beweisen sie damit nur, dass sie Schaafe sind.
Der Zweck im Recht. Erster Band. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1877. Kap. VII, S. 146
Zitat von Rudolf von Jhering
Rudolf von Jhering
deutscher Rechtswissenschaftler
* 22.08.1818, † 17.09.1892

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Tom Borg

Manchmal klingen alte Texte so aktuell als wären sie gerade erst geschrieben worden. So auch Passagen des 1877 erschienen Werks "Zweck des Rechts" von Rudolf von Jhering. Darin heißt es im Kapitel "sociale Mechanik" (Band 1, Seite 146):

Es wird erst neuer bitterer Erfahrungen bedürfen, bis man wieder inne wird, welche Gefahren der von allen Fesseln entbundene individuelle Egoismus für die Gesellschaft in seinem Schoosse trägt, und warum die Vergangenheit es für nöthig gehalten hat, ihm einen Zaum anzulegen. Unbeschränkte Verkehrsfreiheit ist ein Freibrief zur Erpressung, ein Jagdpass für Räuber und Piraten mit dem Recht der freien Pürsch auf alle, die in ihre Hände fallen — wehe dem Schlachtopfer! Dass die Wölfe nach Freiheit schreien, ist begreiflich; wenn die Schaafe in ihr Geschrei einstimmen, so beweisen sie damit nur, dass sie Schaafe sind.

Die Befürworter von Freihandelsabkommen mit Schiedsgerichten wie TTIP und CETA haben es wohl nicht gelesen oder wollen es gar nicht zur Kenntnis nehmen. Wozu auch, die treibenden Kräfte dahinter gehören schließlich zur Spezies der Wölfe. Sie profitieren von der Freiheit. Je mehr, desto besser lautet ihr Credo.

Dabei kann die schier grenzenlose Freiheit des Rechts auf Gewinnmaximierung sehr teuer werden, für einzelne Länder oder gar die ganze Menschheit, weil erkannte Fehler nicht korrigiert werden können, ohne vor einem Schiedsgericht zu landen wo wiederum horrende Strafen in Milliardenhöhe drohen. Da wird sich so manche Regierung überlegen, ob sie wirklich das "Richtige" tun oder doch lieber klein beigeben soll. Doch auch das kostet - aufgeschobene Korrekturen erkannter Fehlentwicklungen lassen den Schaden tagtäglich weiter anschwellen. Wir hinterlassen einen Berg an Problemen, Schulden und Herausforderungen, den unsere Kinder irgendwann schultern müssen. Es stellt sich die Frage, ob unsere jetzigen Bedürfnisse die Belastungen in der Zukunft wirklich rechtfertigen.


Der Preis der Versuchung


Dabei ist die Fragestellung, wie Rudolf von Jherings Text belegt, nicht neu. Jhering führt auch sogleich an, warum der Mensch des Schutzes vor sich selbst bedarf. Denn einerseits stellt er fest:

Der egoistischen Ausnutzung der Gegenwart stellt sich die Rücksicht auf die Zukunft entgegen, der Egoismus wägt die beiden möglichen Vortheile gegen einander ab und opfert den vorübergehenden, vielleicht noch so hohen des Moments, um sich den geringeren, aber dauernden des ganzen übrigen Lebens zu sichern — der Blick in die Zukunft ist die individuelle Selbstregulirung des Egoismus.

Andererseits erkennt er:

Aber um in die Zukunft blicken zu können, muss man ein Auge darnach haben, das Auge gar mancher Menschen ist aber so blöde, dass es über die Gegenwart nicht hinausträgt, und bei andern ist wiederum der Wille so schwach, dass sie der Versuchung, die Zukunft dem Moment zu opfern nicht widerstehen können.

Moderne Experimente bestätigen immer wieder, was Walter Mischels "Marshmallow-Test" bereits vor über 40 Jahren aufzeigte: Gibt man einem Kind eine Süßigkeit - wie beispielsweise den namensgebenden Marshmallow - und sagt ihm: Du kannst den Marshmallow sofort essen oder du wartest damit, bis ich wiederkomme und bekommst dann zwei. In der Regel wartet nur ein Drittel der Versuchspersonen auf die eigentlich bessere Alternative, während zwei Drittel der Versuchung nicht widerstehen können.

Modernes Marketing lebt davon, dem Menschen jetzt einen Vorteil so anzupreisen, dass der eigentliche Preis der Verlockung kaum noch wahrgenommen wird. Nicht viel anders ist es auch bei wirtschaftspolitischen Fragen wie Freihandelsabkommen. Für viele Menschen überwiegen die aktuellen Vorteile gegenüber der zukünftigen Gefahr. Sie ist weit weg - und die aktuellen Bedürfnisse lassen den kurzfristigen Vorteil größer erscheinen. Der individuelle Egoismus reguliert sich eben nicht selbst, zumindest nicht im Sinne einer langfristigen gesellschaftlichen Optimierung.

Die Freiheit des Einzelnen braucht Grenzen, damit die Freiheit Aller erhalten bleibt. Denn die Wölfe sind hungrig - und wer möchte schon ein Schaf sein…