Sprichwort über Armut
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Armut lehrt geigen.
Gedanken zum Zitat
Das Sprichwort »Armut lehrt geigen« ist eine anschauliche und poetische Umschreibung dafür, dass Notlagen Kreativität, Geschick und Ausdruckskraft hervorbringen können. Wer wenig besitzt, muss mit dem arbeiten, was vorhanden ist – und darin liegt oft ein ungeahnter Reichtum an Können und Geist.
Die Geige als Symbol steht in diesem Zusammenhang nicht nur für Musik, sondern für Kunstfertigkeit, Gefühl und Ausdruck. Wer »geigen lernt«, lernt nicht bloß ein Instrument zu spielen – er findet einen Weg, seine inneren Empfindungen zu äußern, seine Not in Klang zu verwandeln. Armut zwingt den Menschen dazu, über sich hinauszuwachsen, neue Wege zu finden und sich selbst als Werkzeug einzusetzen. Man improvisiert, erfindet, beobachtet genauer, spürt intensiver.
Gerade in armen Gesellschaften zeigt sich oft eine erstaunliche Musikalität. Menschen singen, tanzen, trommeln – nicht, weil sie es sich leisten können, sondern weil sie es müssen, um zu überleben, um ihre Würde zu bewahren. Musik wird zur Kraftquelle und zur Brücke zwischen dem schweren Alltag und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Sie ersetzt nicht den Mangel, aber sie lindert ihn.
Das Sprichwort lässt sich auch als Mahnung an wohlhabende Gesellschaften lesen: Talent, Ausdruckskraft und innere Größe entstehen nicht automatisch durch Besitz. Reichtum kann träge machen, während Mangel schärft. Wer nichts hat, muss »geigen« – im übertragenen Sinne: muss sich durchsetzen, erfinden, brillieren, um zu bestehen.
Aber es liegt auch ein stiller Respekt in dieser Redensart. Sie verweist nicht auf das Scheitern der Armen, sondern auf ihre Stärke, ihren Erfindungsgeist, ihren Überlebenswillen. Armut macht das Leben nicht leichter – aber sie bringt häufig das Beste im Menschen hervor. Viele große Künstler und Genies stammen aus einfachen Verhältnissen. Nicht selten hat die »Not sie das Geigen gelehrt« – im wörtlichen oder übertragenen Sinne.
Allerdings darf dieses Sprichwort nicht als Rechtfertigung für soziale Ungleichheit missverstanden werden. Es beschreibt einen Effekt, aber keinen Idealzustand. Dass Armut Künste lehrt, ist kein Argument für Armut, sondern ein Beweis für die ungeheure kreative Kraft des Menschen. In der Not entstehen Talente – doch sie verdienen es, im Licht, nicht im Schatten zu blühen.