Sprichwort über Zeit
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Zeit hat Ehre, sprach die Magd, als sie zur Mettezeit vom Tanz nach Hause ging.
Gedanken zum Zitat
Das Sprichwort »Zeit hat Ehre, sprach die Magd, als sie zur Mettezeit vom Tanz nach Hause ging« ist zugleich humorvoll, spöttisch und tiefsinnig. Es stammt aus dem Volksmund und spielt mit der Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich geschieht. Es ist ein treffendes Beispiel für Ironie und die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung oder der bewussten Ausrede.
Wörtlich genommen behauptet die Magd, sie achte die Zeit und verhalte sich ehrenhaft, obwohl sie vom nächtlichen Tanzvergnügen geradewegs zur Frühmesse (Mette) kommt, also offensichtlich die Nacht durchgefeiert hat. Ihre Aussage steht im Widerspruch zu ihrem Verhalten. Das Sprichwort bringt so auf humorvolle Weise zum Ausdruck, wie Menschen moralische Grundsätze betonen können, während sie sie gleichzeitig missachten.
Im tieferen Sinne verweist das Sprichwort auf ein menschliches Grundproblem: den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Viele Menschen sprechen von Disziplin, Pflichtbewusstsein und Tugend und handeln dennoch oft gegenteilig. Die Magd, die vorgibt, die »Zeit zu ehren«, hat in Wirklichkeit die Nacht durchgetanzt und ist nur zufällig zur rechten Zeit an der Kirche. Doch statt dies einzugestehen, kleidet sie ihre verspätete Rückkehr in eine scheinbar tugendhafte Erklärung.
Das Sprichwort kann auch als kritischer Kommentar zur menschlichen Doppelmoral verstanden werden. Wer sich mit Worten besser darstellt, als es die eigenen Taten rechtfertigen, offenbart oft mehr über sich, als er beabsichtigt. Die Magd versucht durch ihre Aussage Anstand zu zeigen, doch der Zuhörer erkennt die Ironie der Situation sofort.
Zugleich steckt in dem Spruch auch eine gewisse Milde. Die Magd wird nicht verurteilt, im Gegenteil: Man lacht über sie, aber vielleicht auch mit ihr. Es ist ein Augenzwinkern des Lebens: Man erkennt den Widerspruch, verurteilt ihn aber nicht übermäßig. So wird das Sprichwort auch zu einem Spiegel des Alltags, in dem viele Menschen in ähnlichen Zwiespälten leben – zwischen Lebensfreude und Pflicht, zwischen Schein und Sein.