Sprichwort über Zeit
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Zeit macht gesund.
Gedanken zum Zitat
Das Sprichwort »Zeit macht gesund« bringt eine tiefe, oft übersehene Wahrheit zum Ausdruck: Heilung – egal ob körperlich, seelisch oder emotional – ist ein Prozess, der Geduld verlangt. Es ist eine Erinnerung daran, dass nicht alles sofort repariert, getröstet oder überwunden werden kann. Zeit ist in diesem Sinne kein passives Verstreichen, sondern ein aktiver Bestandteil des Genesens. Sie wirkt nicht als Allheilmittel, aber als notwendige Grundlage für Regeneration.
In unserer schnelllebigen Welt, in der Effizienz und Tempo als Tugenden gelten, wirkt diese Volksweisheit fast altmodisch – und doch ist sie aktueller denn je. Wer sich ein Bein bricht, braucht Wochen, bis die Knochen wieder zusammenwachsen. Wer einen geliebten Menschen verliert, benötigt Monate oder Jahre, um den Schmerz zu verarbeiten. Wer einen seelischen Schock erleidet oder eine schwere Enttäuschung erlebt, kann nicht einfach »weitermachen«, als wäre nichts geschehen. Zeit heilt nicht, indem sie Vergangenes ungeschehen macht, sondern indem sie Abstand schafft, neue Perspektiven ermöglicht und inneres Gleichgewicht zurückbringt.
Die Redensart »Zeit macht gesund« enthält aber auch eine stille Ermutigung: Es ist in Ordnung, wenn Heilung dauert. Es ist menschlich, wenn Wunden – gleich welcher Art – nicht sofort verschwinden. Die Zeit gibt Raum zum Durchatmen, zum Nachdenken, zum Wachsen. Sie ist wie ein geduldiger Gärtner, der nichts erzwingen kann, aber weiß, dass aus dem Samenkorn irgendwann eine Pflanze wird – wenn nur genug Licht, Ruhe und Zeit gegeben sind.
Natürlich stößt auch die Zeit an Grenzen. Manche Narben bleiben. Manche Leiden lassen sich nicht vollständig heilen. Doch selbst dann wirkt Zeit als Linderung: Der Schmerz wird leiser, die Erinnerung weicher, das Leben wieder weiter. Sie schenkt nicht immer Vergessen, aber oft Versöhnung.
Inmitten des modernen Strebens nach sofortigen Lösungen und »Schnellreparaturen« erinnert uns dieses Sprichwort an einen natürlichen, oft unbequem langsamen Rhythmus. Heilung braucht Zeit – und Zeit wirkt heilend. Wer dies akzeptiert, lernt Geduld mit sich selbst und anderen. Er erkennt, dass Gesundung nicht nur durch Medikamente oder Ratschläge geschieht, sondern durch das stille, stetige Vergehen der Tage – durch das Leben selbst.