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Ludwig Reiners

deutscher Schriftsteller (1896 - 1957)

36 Zitate, Sprüche & Aphorismen

  • Des Meisters ruhigste Linie ist meisterhaft durch die Unruhe, die sie verbergend verrät. Das gute Kunstwerk stellt nicht etwa Gegensätze nebeneinander, sondern es läßt uns das Gegensätzliche in einem unsichtbaren Hintergrunde ahnen. In dem Leichten ist das Schwere mitgegenwärtig. Das Wesen des Kitsches ist dagegen, daß in ihm das Süße nur süß ist.

  • Lehrsätze reden, Beispiele sprechen.

  • Mit dem Zauberstab des Wortes bildet der Mensch aus der Formlosigkeit und Bewegtheit der Welt die ordnenden Gestalten der Begriffe.

  • Alles, was nur zu drei Vierteln verstanden ist, verschmilzt nicht mit der Person des Lernenden, sondern bleibt ein umgehängter Mantel ohne wirklichen Bildungswert.

  • Auch Feilen will gelernt sein. Da wir nicht bei einer Durchsicht auf alle Fehler achten können, so müssen wir unsere Entwürfe mehrmals durchgehen und jedesmal etwas anderes im Auge behalten, nämlich 1. inhaltliche Fehler, 2. Knappheit, 3. Zuspitzung und Anschaulichkeit des Ausdrucks, 4. Vermeidung unnötiger Haupt- und Beiwörter, 5. Satzbau, 6. Klang.

  • Die deutsche Wortfolge soll drei Göttern zugleich dienen: Wir müssen die grammatischen Regeln befolgen, wir müssen die Worte denkbedingt anordnen, und wir müssen schließlich den Satz nach Takt und Rhythmus so gestalten, daß er auch dem Ohr wohlgefällt.

  • Wenn man Kinder zwingt, Beobachtungen über Dinge zu schreiben, über die sie keine Gedanken haben können, so werden sie sich nie ihrer eigenen Sprache bedienen, sondern greifen zu einer künstlichen Lesebuchsprache, die ihnen feste, gefrorene Wendungen darbietet. Damit dieses hohle Gerede nach etwas aussieht, muß man es aufblasen: So wird aus dem Aufsatzdeutsch der Papierstil.

  • Demosthenes hat den Thukydides achtmal mit der Hand abgeschrieben, um seinen Stil in sich aufzunehmen. Stendhal pflegte, bevor er schrieb, im Code Napoleon zu lesen. Es ist sicher richtig: Wenn wir eine Stunde in Egmont oder in Hebels Schatzkästlein gelesen haben, werden wir nachher manche banale Wendung, manchen verschnörkelten Ausdruck nicht niederzuschreiben wagen.

  • Im Wirtschaftsleben wird die Abneigung des Volkes gegen Viele Dinge dadurch gesteigert, daß sie mit unverständlichen Fremdwörtern bezeichnet werden. Die Dividenden und Tantiemen, das Rentabilitätsstreben, ja selbst die Generaldirektoren wären, wenn sie deutsche Bezeichnungen trügen, Vielleicht nicht ganz so unbeliebt, wie sie es jetzt sind.

  • Ein Satz soll nicht länger dauern, als man mit einem Atemzug vortragen kann.

  • Es gibt ein sicheres Mittel, um große Männer von Scheingrößen zu unterscheiden: Alle großen Männer haben Humor.

  • Das Indogermanische kannte nur die Beiordnung, also die Anreihung von Hauptsätzen; ähnlich steht es im Altgriechischen und im Latein der Zwölftafelgesetze. Die ältesten isländischen Sagas - die einzige germanische Prosa, die vom Lateinischen unbeeinflußt ist enthalten kaum Nebensätze. Auch im Althochdeutschen sind Nebensätze selten. Noch um 1500 überwiegt der Hauptsatz.

  • Wer keine Überzeugung hat, lügt immer, er mag sagen, was er will.

  • Um einen Gedanken knapp und kristallklar zu formulieren, muß man ihn bis zum Ende durchdacht haben; um anschaulich schreiben zu können, muß man die Augen aufgemacht haben; um lebendig zu schildern, muß man lebendig empfunden haben.

  • Verordne einem Kranken dreimal täglich Manulavanz statt Händewaschen, und er ist zufrieden.

  • Wir haben eine Fülle ausdrucksfähiger Mundarten, kräftige und anmutige, witzige und schalkhafte Kraftquellen lebendigen Lebens, deren Wasser wir viel ungehemmter in das leicht schal werdende Becken der Schriftsprache strömen lassen sollten.

  • Jedes Buch ist ein Zwiegespräch zwischen Autor und Leser.

  • Die Hauptwörterei ist eine geistige Ermüdungserscheinung. Die Menschen sehen die Welt nicht mehr in Bewegung, sondern in Erstarrung.

  • Während dem gewöhnlichen Menschen der heutige Alltagsärger erst nach einem Jahr belanglos erscheinen und zum heiteren Gesprächsstoff herabsinken wird, betrachtet der Humor die Widerwärtigkeiten der Welt schon heute aus jener Entfernung, in der die Dinge auf ihr wirkliches Maß zusammenschrumpfen.

  • Manche Darlegung wird erst richtig verständlich aus ihren Folgerungen. Schopenhauer hat im Vorwort zu seinem Hauptwerk hieraus den Schluß gezogen, es sei kein anderer Rat," als das Buch zweimal zu lesen, und zwar das erste Mal mit vieler Geduld, welche allein zu schöpfen ist aus dem freiwillig geschenkten Glauben, daß der Anfang das Ende beinahe so sehr voraussetze als das Ende den Anfang."

  • Das Zitat, vor allem das geflügelte Wort, hat noch andere Aufgaben: Es kann als eine Art geistiger Kurzschrift dienen.

  • Die Grundregel des deutschen Satzbaus ist einfach: Jeder Hauptgedanke erfordert einen Hauptsatz.

  • Der Papierstil ist der Stil der Halbgebildeten.

  • Der Bandwurmsatz ist die Nationalkrankheit unseres Prosastils.

  • Der Kampf gegen die Fremdwörter ist keine bloße Angelegenheit der Sprachverschönerung, sondern ein Kampf für Genauigkeit des Denkens.

  • Unter den Gelehrten sind die Fremdwörter eine Art wissenschaftlicher Freimaurerhändedruck, an dem sich die Eingeweihten erkennen.

  • Sprich in Zeitworten, und du sprichst klar, klangvoll und anschaulich.

  • Niemand lernt schreiben, der nicht sehen gelernt hat.

  • Durch bloßes Lesen erwirbt man kein Stilgefühl, sowenig wie man durch Spazierengehen in Bildergalerien das Malen lernt.

  • Fremdwörter machen das Schreiben bequem und das Verstehen schwer; Erbwörter machen das Schreiben mühsam und das Verstehen leicht.

  • Das Geheimnis des deutschen Gelehrtenstils: Sie verachten die Form, weil sie den Leser verachten.

  • Es ist wichtiger und leichter, Stillaster abzulegen als Stiltugenden zu erlernen.

  • Klug ist, wer unterscheiden kann.

  • Millionen von Arbeitsstunden gehen jedes Jahr durch unzureichende Lehrbücher verloren.

  • Wer eine Eigenschaft affektiert, gibt zu, sie nicht zu besitzen.

  • Lehrsätze reden, Beispiele sprechen.

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