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Sigmund Graff

deutscher Aphoristiker und Bühnenschriftsteller (1898 - 1979)

132 Zitate, Sprüche & Aphorismen

  • Man kann auch Zeit schenken. Die Zeit für einen Brief zum Beispiel. Die Zeit sorgt, daß diese Zeit ein immer selteneres und vornehmeres Geschenk wird.

  • Die Zahl derer, die wir lieben, läßt sich nicht beliebig vergrößern. In demselben Grade, in dem wir einen neuen Menschen in unser Herz aufnehmen, wird unmerklich ein anderer daraus verdrängt.

  • Obwohl Geldgeschenke "unfein" sind, respektieren sie doch mehr als alle anderen den Willen des Beschenkten. Zweifellos wird Geld nur deshalb nicht gern geschenkt, weil man befürchtet, die Erinnerung an den Spender könnte schneller verblassen, als wenn sie mit irgendeinem deplacierten Gegenstand verknüpft ist.

  • Was andere über uns reden, beurteilen wir gerechter, wenn wir uns darauf zu besinnen vermögen, mit welcher Oberflächlichkeit wir uns gelegentlich selbst über andere äußern. Der Alltag wimmelt von wechselseitigen kleinen Verdächtigungen, die ihn für die meisten erst vergnüglich machen.

  • Die Kunst des Lebens besteht darin, seine geistige Seite so mit der sinnenhaften abzustimmen, daß keine das Übergewicht bekommt.

  • Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach den Gefühlen, die sie in uns auslösen.

  • Die feinste Reisekunst besteht darin, zu einigen besonders schönen Plätzen immer wieder einmal zurückzukehren, bis sich in uns eine Art Heimatgefühl entwickelt, das sie doppelt kostbar macht.

  • Einigkeit macht stark, aber meistens auch blind.

  • Während bei jedem mittleren Verkehrsunfall versucht wird, den gesamten Hergang zu rekonstruieren und die Schuldfrage zu klären, hält man es allgemein für überflüssig, den Ablauf überraschend zum Tode oder zu irreparablen Schäden führender Heilbehandlungen unter die Lupe zu nehmen. Wer mißt die Bremsspuren eines Arztes (gegenüber einem in seiner Obhut rasant fortschreitenden Leiden) nach? Was geschieht, wenn seine "Unfallkurve" in erschreckender Weise ansteigt, und wer registriert...

  • Es ist unverständlich, weshalb man die Veranstaltungen, bei denen Zehntausende müßig, wenn auch nicht still zusehen, wie zweiundzwanzig Mann um einen Lederball kämpfen, einen "Volkssport" statt eine Volksbelustigung nennt.

  • Gebildet ist, wer Parallelen sieht, wo andere etwas völlig Neues zu erblicken glauben.

  • Ein Mann schmückt sich nicht für, sondern durch die Frau.

  • Das Glück der Masse heißt Zwang.

  • Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt, als die Menschen zum Nachdenken zu bringen.

  • Die abergläubische Scheu der Künstler, über künftige Werke, Bücher, Rollen usw. zu sprechen, beruht auf der Angst, durch die kleinste Preisgabe ihrer schöpferischen Geheimnisse die Kraft zu ihrer stilsicheren Ausführung zu verlieren. Alle Kunstwerke sind ursprünglich "Luftgebilde" der Phantasie, die sich am besten realisieren, wenn sie weder durch Beifall noch durch Kritik und Tadel gestört werden. Niemand kann einem Künstler helfen. Er muß sich verrennen oder durchs Ziel laufen. Was...

  • Mit einer häßlichen Frau lebst sich's oft hübsch. Sie überschüttet uns mit den ihr entgangenen Zärtlichkeiten, und der Glut ihrer Umarmungen ist anzumerken, daß sie sich an den Männern, die sie verschmäht haben erbarmungslos rächt.

  • Die Zukunft der Religion ist durch das metaphysische Bedürfnis des Menschen gesichert, die der Kirche durch ihre zeremonielle Unentbehrlichkeit, bei Taufe, Eheschließung und Begräbnis.

  • Junge Menschen reifen durch die Liebe. Reife verjüngt sie. Alle befreit sie von den Banden ihrer Jahre.

  • Keine Frau billigt ihrer Rivalin den Entschuldigungsgrund "Liebe" zu, sondern jede sieht bei ihr nur dieselben infamen Mittel, durch die sie, von der Liebe beschwingt, selbst zum Ziel gelangt ist.

  • Einen Namen hat man, wenn man keinen Wert auf seine Titel legt.

  • Verwandte hassen sich manchmal so tief, weil es ihnen nicht gelingen will, den anderen völlig aus ihrem Herzen zu verstoßen.

  • Dem Emigranten legt das Schicksal die schwer erfüllbare Verpflichtung auf, in seinem Herzen neben dem Haß gegen das ihn vertreibende System die Liebe zu dessen Vaterland lebendig zu erhalten. Man kann sagen, er ist umso glücklicher, je edler er ist, da ihm der Haß die Liebe, aber die Liebe den Haß vergällt.

  • Das Grundprinzip des Theaters ist die Indiskretion. Es verrät dem Publikum sämtliche Geheimnisse der auftretenden Personen, die immer nur in einem Teil der Szenen erscheinen, während das Publikum alle Szenen belauscht und dadurch alles erfährt. Der Zuschauer genießt dadurch ein ähnliches Überlegenheitsgefühl wie der Zuschauer beim Blindekuhspiel und der Kiebitz beim Skat oder auch wie der, der von oben in einen Irrgarten hineinblickt. Er ist immer klüger als mindestens eine Person auf...

  • Die Feigheit tarnt sich am liebsten als Vorsicht oder Rücksicht.

  • Im Urlaub begegnet man fast immer netten Menschen, da jeder sich bemüht, dort anders zu sein als zu Hause. Unsere Urlaubsbekannten lernen wir erst wirklich kennen, wenn sie uns ein halbes Jahr später überraschend besuchen. Es empfiehlt sich, ihnen grundsätzlich eine falsche Adresse zu geben.

  • Die meisten bekämpfen fremde Gedanken, um eigene zu entwickeln oder vorzutäuschen. Der Gegner ist ihr Stecken und Stab, ohne den sie nicht bis zur nächsten Ecke kämen, oder die stabile Säule, an der sich ihr Kletterpflanzentalent effektvoll hochranken kann.

  • Während es dem Ehrgeizigen vorwiegend um Anerkennung zu tun ist, geht es dem Streber um die Erlangung klarer Vorteile und entsprechender Positionen. Der Ehrgeizige wird durch seine verhaltene Glut, der Streber durch seine verhaltene Kälte gekennzeichnet.

  • Die Koketterie der Frauen ist eine Art von Notwehr. Sie gleichen mit ihrer Hilfe den Nachteil, nicht wählen zu dürfen, wieder aus, indem sie einen möglichst großen Kreis von Verehrern und Bewerbern um sich sammeln, unter denen sie wählen können. Die Koketterie ist ihre Form der Initiative.

  • Die Mentalität der Frauen kommt den Diktatoren entgegen. Sie haben eine Schwäche für die Stärke und begeistern sich leichter für das Recht der Macht als für die Macht des Rechts. Es liegt auf der Hand, daß sie die Achillesferse der Freiheit sind.

  • Tradition ist das Ruhekissen der Urteilskraft.

  • Das Furchtbarste an jedem Krieg ist der Umstand, daß die Menschen ihn wie ein Naturereignis - etwa wie einen Blitzschlag, ein Erdbeben, eine Springflut - hinzunehmen pflegen, während er in Wirklichkeit ein mit ihrer eigenen Duldung und Mithilfe von Menschenhand vorbereitetes Unternehmen ist, bei dem man den Initiatoren und Managern auch noch die sichersten Plätze reserviert.

  • Unter den Muskelpartien, deren Leistung der Sport bis an die Grenzen des Menschlichen hinausgeschoben hat, darf die Zunge der Rundfunkreporter nicht vergessen werden.

  • Die Menschen lassen sich durch öffentliches Unglück, das in den Zeitungen steht, umso leichter zu einer rührenden Hilfsbereitschaft verleiten, je blinder sie an dem privaten Unglück hinter der nächsten Haustüre vorübergehen. Es reizt sie, sich unter den Tausenden von Opferfreudigen zu befinden, die am öffentlichen Unglücksort registriert werden und dadurch einen Schimmer von Publizität erhaschen.

  • Der einzige "Gewaltverzicht" sind leere Kasernen.

  • Man liebt nicht die Freiheit, wenn man nicht den Widerspruch liebt.

  • Je edler eine Sportart ist, um so weniger hat sie Publikum.

  • An der Parole "Freiheit und Gleichheit" interessiert die Masse in Wahrheit nur die letztere. Mit der Freiheit, die im Gegensatz zu der ihr angeborenen Wollust des Gehorchendürfens steht, weiß sie wenig anzufangen.

  • Wahrscheinlich wäre es möglich, mindestens in unseren Großstädten Filmbühnen mit "klassischem Repertoire" zu eröffnen, wenn es nicht unmöglich wäre, einen Film, wie jedes Theaterstück, in jeder Aufführung neu den Reaktionen des Publikums und dem jeweiligen Zeitempfinden anzupassen. An der Unveränderlichkeit der gedrehten Szene scheitert der Filmruhm.

  • Wer allen mißtraut, pflegt am wenigsten vor sich selbst auf der Hut zu sein.

  • Wenn es die Ballkunst wäre, was die Fußballanhänger begeistert, müßte jedes Trainingsspiel überlaufen und manches Meisterschaftsspiel uninterssant, wenn nicht abstoßend sein.

  • Wenn eine Hand die andere wäscht, pflegen beide schmutzig zu werden.

  • Die öffentliche Meinung gleicht einem Schloßgespenst: Niemand hat es gesehen, aber alle lassen sich von ihm tyrannisieren.

  • Wenn die Frauen ein Gefühl für ihre wahren Rechte und Freiheiten besäßen, würden sie sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit ihres Geschlechts dagegen auflehnen, daß ihnen der Staat verbietet, ein zu ihrem Körper gehörendes embryonales Wesen töten zu lassen, solang er sich erlaubt, dasselbe zur schönsten Menschenblüte heranwachsende Wesen zwanzig oder dreißig Jahre später, gegebenenfalls in einen Krieg zu schicken und dort töten zu lassen.

  • Allen Moden gemeinsam ist die Beobachtung, daß ihre ersten und ihre letzten Vertreter komisch sind.

  • Es ist ein Schönheitsfehler des Kapitalismus, daß er zwar allen die gleiche Chance gibt, geschäftstüchtig zu sein, es aber unterlassen hat, dafür zu sorgen, daß alle auch die gleiche Geschäftstüchtigkeit besitzen, um sie wahrzunehmen.

  • Nach der schönen Frau dreht man sich manchmal kurz um. Die charmante hinterläßt ein inneres Bild in uns, das uns lange begleitet.

  • Jede Frau will in der Liebe zuerst das jeweilige Stadium der Annäherung ganz erfassen, bevor sie den nächsten Schritt tut. Nur was für ihr Gefühl reif ist, ist auch für sie moralisch.

  • Bei allen Menschen, die wir durch Zufall schlafend antreffen, wird es uns blitzschnell deutlich, ob wir sie leiden mögen oder nicht.

  • Das Beste und Schönste einer Reise wird daheim erlebt: Teils vorher, teils nachher.

  • Manche Ehen gehen an der beiderseitigen Unfähigkeit zugrunde, sich auszusprechen. Sie schweigen sich tot.

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